5. Juni 2018

Der Brand von Riedenberg

Bevor der eigentliche Bericht beginnt möchte ich zunächst darauf eingehen, dass zu diesem Stück Riedenberger Geschichte viele Mythen und Legenden existieren. Ich habe mich deshalb aus den unten aufgeführten Grüden dazu entschlossen, den Bericht der Festschrift zu 100 Jahre Feuerwehr Riedenberg 1:1 zu übernehmen.

Weit verbreitet ist unter anderem die Meinung, der Munitionszug war auf dem Weg zur Front. Dagegen sprechen folgende Tatsachen:

  1. In der Chronik zu 100 Jahren Feuerwehr Riedenberg wird das Ereignis so nicht geschildert (siehe unten). Sondern der Zug sei auf dem Rückweg von der Front gewesen. Zum Zeitpunkt, zu dem diese Chronik geschrieben wurde (1976 und früher) lebten noch viele Zeitzeugen der Katastrophe. Es ist deshalb anzunehmen, dass der Bericht aus der Chronik von 1976 auf Erzählungen von Zeitzeugen beruht. In der Chronik zum Jubiläum 500 Jahre Riedenberg wird die Explosion des Munitionszuges in etwa auf einer halben DIN A4 Seite abgehandelt (Seite 116 „500 Jahre Riedenberg“ von Gerwin Kellermann) und nicht genau auf den Ereignishergang eingegangen.
  2. Der Munitionszug hatte Luftminen geladen. Dies wird in der Festschrift von 1976 geschildert und wurde mir von mehreren Bewohnern bestätigt, die dies von ihren Eltern und/oder Großeltern so überliefert bekommen haben. Warum spricht die Tatsache, dass der Zug Luftminen geladen hatte dafür, dass er sich auf dem Rückweg von der Front befand? Die Munitionsanstalt Wildflecken (Muna) war dem Heer unterstellt (Heeres-Munitionsanstalt Wildflecken). Diese Fabriken produzierten ausschließlich Waffen für das Heer der Wehrmacht. Luftminen sind Abwurfwaffen und wurden in Luftmunitionsanstalten gefertigt. Allerdings wurden solche und auch andere Waffen in Wildflecken delaboriert. Für Weitere Informationen siehe: Munitionsanstalt

Einige Berichte sprechen auch von zwei Munitionszügen, die an diesem Tag in Riedenberg explodiert wären (z.B.  Chronik der Sinntalbahn Rhoenlinie oder Geschichte der Sinntalbahn (IG-Sinntalbahn) )

Für diese Behauptung konnte ich keine Belege finden. Da alle Berichte, die von zwei Munitionszügen sprechen, vom gleichen Verfasser stammen, vermute ich hier einen Tipp- oder Recherchefehler. Selbst im offiziellen Bericht der United States Army (Military Government Detachment 121A3, Company A, 3rd ECAR, U.S. Army. Report on Fire–Oberriedenberg (N515935) Kreis Bruckenau. By CPT Harry P. Clark, Jr. 383.1. 1945. 1.) ist nur die Rede von einem Zug mit 42 Waggons.

„At 1745, a fire broke out due to an explosion of an ammunition train of captured German explosives that was parked in the town of Oberriedenberg on its way to be decommissioned by American forces. The fire that broke out in Oberriedenberg resulted in the destruction of forty – two ammunition railway cars; nine homes, twelve barns, and nine sheds that were completely burned to the ground; more than fifty percent of the railway station was heavily burned and three civilians received slight burns before being given medical treatment. The damage caused to personal German property in the town was estimated to be between three and four hundred thousand dollars …“

deutsche Übersetzung:

Um 17:45 Uhr brach ein Feuer durch die Explosion eines Munitionszuges, beladen mit erbeuteten deutschen Explosivstoffen, welcher im Ort Oberriedenberg geparkt war, aus. Der Zug befand sich auf dem Weg, durch Amerikanische Truppen außer Betrieb genommen zu werden. Das Feuer, welches in Oberriedenberg ausbrach, verursachte die Zerstörung von 42 Munitionszugwaggons, neun Häusern, zwölf Scheunen und neun Schuppen, welche komplett abgebrannt sind. Mehr als 50 Prozent der Eisenbahnstation wurde schwer verbrannt und drei Zivilisten erlitten leichte Verbrennungen, bevor sie medizinisch versorgt wurden. Der Schaden an persönlichem deutschen Eigentum wurde zwischen 300.000$ und  400.000 $ geschätzt.

Angeblich wurde der Zug von sogenannten Werwölfen in Brand gesteckt

Im Bericht der US Armee wird außerdem geprüft, ob der Zug wirklich durch die Unachtsamkeit der US Soldaten in Brand geraten ist oder ob es sich um einen Anschlag der sog. Werwolf Bewegung handelt. Dass es sich um keinen Werwolf Anschlag handelt wird in diesem Schriftstück auf den Seiten 12-14 nochmals erörtert.

Nun zum eigentlichen Bericht

Der Brand von Riedenberg

Im Februar 1945 kam ein Munitionszug beladen von der Front zurück. Die Zugmaschine, eine Dampflokomotive, ging auf der Durchfahrt nach Wildflecken am Ende unseres Ortes defekt und der gesamte Transport, bestehend aus 42 Waggons, wurde in den Bahnhof Riedenberg zurückbeordert. Diese Ladung bestand aus Munition aller Waffengattungen (Gewehrpatronen, Panzerfäuste, Granaten, panzerbrechende Waffen und Luftminen). Diese konnte mangels einer Lokomotive nicht weitergeleitet werden und stand nun als bedrohliches Verhängnis bis zum 27. Juli 1945 im Bahnhof unserer Gemeinde.

Am 05.04.1945 war der Einmarsch der Amerikaner in Riedenberg erfolgt. Sie stellten sofort diesen Transport sicher und ließen das gesamte Bahnhofsgelände Tag und Nacht durch ihre Soldaten bewachen. Diese verantwortungsvolle Aufgabe wurde nach einigen Wochen von den Wachposten nicht mehr ernst genug genommen und sie vertrieben ihre Langeweile damit, Leuchtpatronen und eigene Munition am lodernden Lagerfeuer zu verschießen.

Am Freitag, den 27. Juli 1945 abends gegen 18:00 Uhr geriet plötzlich einer dieser abgestellten Waggons in Brand. Augenzeugen sagen aus, dass ein abgefeuerter Gewehrschuss in den Wagen einschlug und die feuergefährliche Ladung die Katastrophe auslöste. Die Explosion entfachte ein riesiges Feuer, das von einem Wagen auf den nächsten übergriff. An ein Löschen war aus Sicherheitsgründen nicht zu denken, da niemand voraussagen konnte, wann die nächste Explosion erfolgen würde und außerdem waren die meisten Bürger auf dem Feld mit der Schneiderernte beschäftigt. Das Feuer breitete sich aus und die Wagen, deren Ladung aus Panzerfäusten bestand, wurden erfasst. Dank der erhöhten Lage unseres Bahnhofes kamen nicht alle Häuser durch die nun folgende riesige Explosionsdruckwelle zu Schaden. Schule, Kirche und nähergelegene Gebäude wurden teilweise abgedeckt und schwer beschädigt.  Die Verladestation des Basaltwerkes wurde völlig zerstört. Auf dem Feld arbeitende Leute wurden von dem Luftdruck umgeworfen. Durch die Explosion in den Himmel geschleuderte Wagenteile wie Räder, Puffer, Wagentüren, Eisenbahnschwellen und Schienenstücke schlugen wie riesige Sternschnuppen durch die Dächer in die Wohnhäuser und Scheunen ein. Dadurch wurde an vielen Stellen gleichzeitig das verheerende Feuer entzündet. Bis in die Flurabteilung „Rödi“ flog beispielsweise eine Waggontür.

Die Feuerwehrspritzen konnten nicht gleich eingesetzt werden, da die Amerikaner anfänglich Schwierigkeiten machten, weil sie die Situation nicht richtig überblickten und entscheidende Maßnahmen treffen konnten. Auswärtige Feuerwehren wurden aus Sicherheitsgründen von den Wachposten wegen weiterer Explosionen an den Ortsgrenzen abgewiesen. Die Feuerwehren aus Wildflecken und Oberbach standen zum Beispiel an der nördlichen Ortsgrenze bereit und mussten tatenlos zusehen. Was den Riedenbergern aber noch wirkungsvoll hätte helfen können, wären mehrere Motorspritzen gewesen. Denn die eine, die ihnen zur Verfügung stand, konnte nicht überall gleichzeitig eingesetzt werden und den beiden Handdruckspritzen ging bald nach Feuerausbruch das Wasser aus. Da man überall versuchte, mit Gartenschläuchen und Eimern beginnende Brände in Dächern zu löschen, brach bereits kurz nach Feuerausbruch das örtliche Wassernetz komplett zusammen. Kleinere Brände löschte man teilweise sogar mit Saft oder Milch, weil kein Wasser mehr zur Verfügung stand. Die wenigen Männer und Frauen die zuhause waren hatten alle Hände voll zu tun. Kaum hat man beim Nachbarn versucht zu helfen, da hat das eigene Anwesen schon gebrannt. Durch den Explosionsknall aufgeschreckt, eilten die Bauern von den Feldern nach Hause um zu helfen, das eigene oder des Nachbarn Hab und Gut zu retten.

Von den Amerikanern aus den Häusern gewiesen, flüchteten die älteren Bewohner mit den Kindern und dem Notwendigsten auf einen Wagen geladen aus dem Ort, um im nahen Wald Schutz zu finden. Kaplan Oberle nahm das Allerheiligste und das Wichtigste aus der Kirche und brachte alles unter der Brücke in Sicherheit. Denn noch befürchtete man die gewaltige Explosion der alles vernichteten Luftminen. Das Schicksal hat es am Ende doch noch gut gemeint mit der leidgeprüften Bevölkerung. Die Explosionen donnerten noch bis spät abends um ca. 23:00 Uhr in die durch das Feuer hell erleuchtete Nacht, aber das drohende Unheil blieb aus. (Dies ist wohl vorallem den mutigen Männern zu verdanken, die die Waggons mit den Luftminen abkuppelten und per Muskelkraft ein Stück vom Rest des Zuges entfernten). Die Wagen mit den Luftminen blieben vom Feuer verschont und die Menschen durften wieder in das Dorf zurückkehren. Die auswärtigen Feuerwehren konnten nun wirkungsvoll in das Brandgeschehen eingreifen und brachten am nächsten Tage das Feuer unter Kontrolle.

Wie durch ein Wunder möchte man sagen, hat die Katastrophe keine Menschenleben gefordert. Verletzungen durch die Explosion und mutige Brandbekämpfung gab es jedoch. Viele arbeitsame und fleißige Bürger sind in dieser Nacht zu Bettlern geworden. Eines hat man ihnen aber nicht nehmen können: den Mut und den eisernen Willen, wieder neu aufzubauen und weiter zu machen, von der Hoffnung getragen, dass sich ein solches Ereignis nie wiederholen würde.

Es wurden durch den Brand 10 Wohnhäuser, 14 Scheunen, 9 Nebengebäude, die Feuerwehrgerätehalle (Baujahr 1922, Standort: Kirchstraße Ecke Kreuzbergstraße), das Basaltwerk mit Silo und Verladestation völlig vernichtet.

Seitdem, bis zum 05.06.1964, diente der Feuerwehr eine Holzbaracke auf dem Schulhof als Gerätehalle.

Sämtliche alte Geräte aus der Brandnacht befinden sich heute noch im Besitz der Feuerwehr Riedenberg.

Falls jemand weitere Informationen oder Bildmaterial zu diesem Eregnis hat würden wir uns sehr freuen, wenn Sie Kontakt mit uns aufnehmen.